Folge-49 ADHSundMedikamente
- frautschi
- 16. Apr.
- 19 Min. Lesezeit

Marco
Die Verschreibung von ADHS-Medikamenten hat sich in den letzten vier Jahren fast verdoppelt. Was ist da los? Und ist es gut oder schlecht?
Christian Frautschi und die Wirbelsäulenseele mit Christian Frautschi Professor des Lebens, Therapeut, Autor, Lebemensch.
Christian
Und Marco Caduff, die fragende Stimme.
Marco
Christian, heute reden wir über ADHS und ADHS-Medikamente. Du bist ja selber von ADHS betroffen. Und du verfolgst das wahrscheinlich auch ein wenig, also du verfolgst es doppelt, als persönlich Betroffener und natürlich auch als Therapeut.
Es wird für dich ein Thema sein.
Christian
Ja, klar. Ich setze mich mit dem, also ich habe mich vermehrt angefangen auseinandersetzen vor ein paar Jahren, weil ich gemerkt habe, ich habe ja gewusst, irgendwo mit 32, 33 habe ich gewusst, wie ich ticke. Ich habe realisiert, ich habe mich wirklich wahrgenommen, wie bin ich überhaupt, wie ist mein Charakter, wie funktioniere ich überhaupt.
Und ich hatte ja schon immer die Gabe, dass ich, wenn jemand so ist, ich habe genau gewusst, wie er funktioniert, wie ich ticke. Und da habe ich nur einmal jemandem, in der Praxis oder so, wo ich merke, dass man damit nicht schlagen kann, vielleicht einfach eine Frage gestellt. Bist du dir bewusst, dass du so und so funktionierst?
Da hat man mich einmal komisch angeschaut und gesagt, wieso weisst du das? Ich sagte, ja, ich bin halt vielleicht eben auch so. Aber ich habe mich dort ziemlich stark mit dem angefangen, zu befassen, was sind überhaupt die Charakterzeuge, wie funktionieren die überhaupt.
Das ist auch der Grund, warum ich dann das Buch geschrieben habe «Zappel ist gestorbt». Vielleicht ist es auch ein bisschen, vor allem wenn es um Ritalin-Geschichten geht, vielleicht ein bisschen, wie soll ich sagen, ein bisschen gepusht, ein bisschen extrem hinterfragt. Was ich finde, ist auch wichtig.
Und wie soll ich sagen, es ist halt einfach ein Fluch und ein Sagen. Es ist beides.
Marco
Also, du redest jetzt nicht von den Medikamenten, sondern von der Diagnose?
Christian
Von der Diagnose, ganz klar, ja. Und die Diagnose, was ich ganz klar auch hier sagen möchte, und wo ich schon immer gesagt habe, ADHS oder ADS, je nachdem, ist keine Krankheit.
Marco
Ja, ich glaube, da ist jetzt der Grossteil der Welt einverstanden mit dem in der Zwischenzeit, oder?
Christian
Ja, aber ich hatte ja vorhin mal einen Bericht gegeben, wo ein Psychologe geschrieben hat, der spricht ganz klar von einer Krankheit, da gibt es gar keine Diskussion. Nein, es ist keine Krankheit. Man muss es aber auch nicht weiss nicht wie hochpushen und machen und tun und sagen, es ist eine riesige Superkraft.
Wie das ein Mösk oder wer weiss auch nicht, was er irgendwie macht.
Marco
Es mag im konkreten Fall bei einem ganz bestimmten Menschen eine Superkraft sein, oder?
Christian
Das ist so. Es gibt natürlich solche, die absolute Energiebündel sind und die diese Kraft wirklich fast nicht auf den Boden bringen. Und dadurch unheimlich Mühe haben, sich irgendwo nur überhaupt zu konzentrieren.
Es gibt das auch. Ich bin aber auch zum Beispiel, ich bin sehr hyperaktiv, aber du nimmst doch mich oder die Leute nehmen mich nie so wahr. Weil mein Hyperaktiven, das ist hier oben.
Marco
Das sieht man nicht genau. Es zappelt nicht mit dir, oder? Nein, nur geistig.
Christian
Hier oben, die Rädchen hier oben, die drehen brutalst. Und ich meine, viele wissen auch, zum Beispiel habe ich auch schon mal gesagt, ich kann als Legasteniker, als Hyperaktiver, oder in dem Sinne, so wie ich bin, so wie ich funktioniere, ich kann auch kein Buch lesen. Wenn ich oben an der Seite anfange, ich lese die Seite durch, ich weiss unten am Buch nicht mehr, was oben auf der Seite gestanden ist.
Ich weiss es nicht, weil ich kann mich nur genau auf das konzentrieren, was jetzt genau zu diesem Zeitpunkt hier steht. Wenn mich das interessiert, kann ich die Geschichte fassen, ich kann das in Bilder ausdrucken. Das heisst, wenn das bildlich geschrieben ist, wenn ich Bilder bekomme, wenn ich, wenn jemand von einer Kirche schreibt und ich die Kirche sehe, wenn jemand von einem braunen Tisch spricht, dann sehe ich die Kirche.
Wenn jemand von einem Osterhasen spricht, der hier sitzt und ein Rüebli in den Händen hat, dann kann ich mir das vorstellen und das kann ich mir merken. Das kann ich mir aber zum Beispiel 20 Jahre lang merken.
Marco
Weil es einfach einbrennt.
Christian
Weil das ein Bild ist, eine Situation irgendwo, die hier drin ist. Eine Telefonnummer, wenn du mir eine Telefonnummer schreibst, kannst du mir auf die Hand die Telefonnummer schreiben, ich kann die wohl lesen, ich kehre sie um, ich weiss sie nicht mehr. Habe ich aber irgendetwas von mir, wo diese Telefonnummer in einem Formular erscheint und ich sehe das bildlich, dann weiss ich die Telefonnummer.
Ich hole in dem Moment das Bild runter und nicht die Nummer. Der strukturierte Denker holt einfach die Nummer runter, die er einmal gelernt hat und ich hole das Bild runter. Das ist der Unterschied.
Wie gesagt, ich kann auch keine Bücher lesen. Ausser sie seien wirklich so bildlich geschrieben und so emotionell geschrieben, sachlich geschrieben, wenn es um etwas geht, was mich interessiert, dann kann ich es lesen. Aber, wenn ich keine Bücher lesen kann, sollte man meinen, ich könne auch keine Bücher schreiben.
Und du weisst ja, ich habe schon auf dem Gestell oben stehen 1, 2, 3, 4, 5, 6 Bücher geschrieben bis jetzt, scheinbar kann ich Bücher schreiben. Jetzt aber, mein Schreiben ist natürlich dann nicht gleich so, wie wenn du schreiben würdest. Du kannst schreiben und du sitzt hier und schreibst eine Seite, zwei Seiten oder was auch immer.
Wenn ich schreibe, dann muss ich irgendwo völlig konzentriert im Raum sein, wo es einfach genau oder im Einbewusstsein sein, dort kann ich auch schreiben, wo ich einfach räumlich wirklich nur bei mir bin und wo mich niemand irgendwie stört. Aber wirklich mit nichts, mit keinem Geräusch und nichts. Dann kann ich schreiben.
Aber, je nachdem, während ich schreibe, wenn ich eine Seite geschrieben habe, dann stehe ich vielleicht auf, gehe einen Kaffee ausleeren, dann sitze ich wieder hin und schreibe weiter und dann mache ich das und dann mache ich das. Also ich kann jetzt nicht eine Stunde lang einfach hier sitzen und schreiben. Also wenn ich ein Buch schreibe, das nächste Buch, das rauskommt, hat letztens auch jemand gefragt, der mir ein Manuskript gesagt hat, möchtest du ein wenig lesen?
Wie lange hast du daran geschrieben? Ich sagte, das weiss ich nicht, Jahre. Ich habe irgendwann einmal angefangen und irgendwann war es fertig.
Ich kann das gar nicht sagen. Weil du kannst dich nicht immer wirklich fokussieren auf die Bilder, die du im Kopf hast, diese Bilder in Zahlen oder in Buchstaben zu bringen. Das ist die grosse Schwierigkeit.
Dass ich das, weil ich habe einen Gedanken, dann möchte ich ihn aufschreiben. Wenn ich anfange aufzuschreiben, bin ich schon beim dritten, vierten Gedanken nachher. Und wenn ich nicht genau schaffe, dass ich im Fokus bin, dann ist es mühsam.
Aber es geht. Ich bringe es hin, es geht ja um die Sache. Ich weiss auch, was ich schreiben will.
Dann schreibe ich so. Es ist halt ein spezieller Schreibstil. Das weisst du, Marco ist der, der meine Bücher lektoriert, meine Bücher, meine Rechtschreibung, die katastrophal ist.
Marco
Ja, manchmal ja.
Christian
Die darf, muss korrigieren oder anpassen. Es ist eine extrem bildliche Sprache, die ich schreibe. Und es ist eben auch eine Satzstellung, die nicht normal ist, sondern für mich ist sie eigentlich ein Gedanke.
Ein Buch ist ein Gedanke, das ich einfach zu Papier bringen versuche. Das ist mein so, wie ich bin, ja. Und ich durfte das irgendwann einmal für mich wirklich erfahren, wenn ich mich selber hinterfragte.
Und habe das auch so dementsprechend für mich auch akzeptieren können. Und habe dann aber auch dafür sagen können, dafür habe ich eine unheimliche Fantasie, wie man etwas angeht, wie man etwas macht, wie ich schauen kann, dass etwas irgendwo ankommt. Und ja, ich halte einfach immer anders funktioniert und ich habe es einfach anders gemacht.
Also das heisst, es ist ein Segen.
Marco
Genau, wenn man das irgendwo kanalisieren und herausbringen kann, dann kann es auf jeden Fall ein Segen sein. Für andere ist es vielleicht eher ein Fluch, wenn sie das nicht kanalisieren können. Aber schauen wir uns vielleicht auch mal einfach die Tatsache an.
Wir haben am Anfang gesagt, der Medikamentenabsatz in den letzten vier Jahren hat sich fast verdoppelt. 90% mehr als vor vier Jahren, in fast allen westlichen Ländern ganz ähnlich. Was ist der Grund?
Oder was sind die Gründe? Vielleicht sind es mehrere.
Christian
Wir sprechen davon. Wir sind in einer sehr schnelllebigen Zeit. Wir sind in einer hektischen Zeit.
Wir sind in einer Zeit, in der wir auch gefordert werden. Und wir haben unheimlich viele Ablenkungen. Und Ablenkungen, wie ich vorhin gesagt habe, das ist das Schlimmste.
Wenn ich mich von irgendeinem Geräusch oder wenn jemand einen Kaffee rauslässt, lasse ich mich abwinken. Dann kann ich mich nicht mehr konzentrieren. Und es läuft um uns herum so viel.
Es läuft in der Welt so viel. Es läuft in der Schule so viel. Es ist nicht mehr so, wie wir früher einfach hier gesessen sind und dem Lehrer zugehört haben.
Und hier aufgeschrieben haben. Es ist ganz anders heute. Es ist viel lebiger heute.
Es hat auch Vor- und Nachteile. Und das heisst, wir können uns einfach nicht mehr so konzentrieren. Früher wusste man einfach, es ist ein Zappel-Philipp und der kann das nicht und das nicht.
Und wenn ich mein Zeugnis, letzte Woche kam mir mein Zeugnis in die Hände, muss ich sagen, du darfst auch keinem Grosskind das Zeugnis zeigen. Dann sagt sie aber du, Grosspapi, warst du nicht gleich der Erste? Ja, Deutsch, Französisch, all diese Dinge, die man lernen muss.
Wo ich mir ein Wissen aneignen muss. Das kannst du bei mir vergessen. Aber wenn ich kreativ sein kann, wenn ich etwas zeichnen kann, etwas kann, wie soll ich sagen, grafisch darstellen, Geometrie oder was auch immer, das fasziniert mich, wie das aussieht und stelle mir das auch vor, dann ist das wunderschön.
Der einzige Nachteil war bei mir in der Schule, dass die Tuschflecken nicht als Kunst anerkannt wurden, sondern dass der Lehrer gesagt hat, das kann man ja nicht anschauen, mal das, was unter dem Tuschflecken war, das hat absolut gestimmt und das konnte man anschauen, aber es wurde nicht dementsprechend bewertet.
Marco
Im Moment ist es ja jetzt wieder massiv im Ansteigen. Gibt es jetzt plötzlich viel mehr von dieser Sorte? Oder schaut man sie genauer an?
Christian
Nein, die gab es früher schon. Die gab es früher schon, mein ehemaliger Schulkollege, wenn er keinen Bock hatte auf die Schule, dann hat er dem Lehrer gesagt, ich bin krank. Dann hast du ihn gehört, als er mit der Mutter über die Wiese neben dem Schulhaus fuhr.
Dann hat jeder gelacht und gesagt, ja, der Fossi ist krank. Jeder hat geschmunzelt. Man hat ihn stehen gelassen.
Du weisst, wenn du dich nicht mehr voll konzentrieren in der Schule, dann kann man dich nicht mehr stehen lassen. Schau mal, wir haben verschiedene Kantone, die verschiedene Psychiatrien haben, die verschiedene Abklärungsstationen haben, z.B. für ADHS. Der Kanton Aargau, der am meisten Psychiater hat und ADHS-Stellen zum Abklären.
Die sagen sich auch, wir sind die, die die grösste Dichte haben. Das sind aber auch die, die die grösste Dichte haben, die das Medikament abgeben. Das heisst, es wird heute einfach viel, viel schneller diagnostiziert.
Im Internet spricht man davon, gib mal ADHS im Internet ein, dann erscheinen dir nur Artikel über ADHS. Dann denkst du dir, Scheisse, was läuft hier? Ist das so ein Riesenthema?
Bin ich echt auch so? Ich will mich auch abklären lassen. Ich komme mir manchmal auch nicht mit in die Schule.
Ich kann mich auch nicht konzentrieren. Egal, bis nachher um 12 Uhr gamed oder was auch immer, er hat dann das Gefühl, ich kann mich nicht konzentrieren. Das kann mir vielleicht noch helfen.
Das ist mal eins. Dann muss man abklären. Das andere ist, teilweise von der jungen Lehrerschaft, die einfach ein Kind nicht so händeln kann, sagen sie einfach, ja, geh abklären.
Du kannst nicht still sitzen. Du kannst nicht einfach so sein. Früher hat man gesagt, du kannst gut so sein.
Komm, spring einmal in die Schule. Dann komm wieder. Dann machst du wieder mit.
Das hat funktioniert. Aber das funktioniert heute nicht mehr. Man sieht es nicht so.
Man sieht sofort, der hindert den Schulstoff. Der behindert die Schule. Er beeinflusst die Klasse.
Und weiss er was? Sie sind ja nicht dumm wegen dem. Sie sind teilweise sehr gescheit und sehr kreativ.
Das heisst, sie wissen dann vielleicht auch, wie kann ich das irgendwo kompensieren. Dann wird einfach gesagt, du musst abklären werden. Dann wird man abklärt.
Der Anstieg ist auch hier zu erklären. Es wird viel mehr abgeklärt als früher. Es gibt viel mehr Stellen, die abklären.
Das ist eines. Das andere ist, die Kriterien, die jemand ADHS hat, das sagt ja selbst der Psychologe, die Kriterien sind erweitert worden. Das heisst, heute hast du einen Drittel mehr, den du zur Verfügung hast, um zu sagen, du hast ADHS.
Marco
Während man früher gesagt hätte, er fällt etwas auf.
Christian
Aber du schaust, dass er deinen Ausgleich hat. Oder du gehst Sport machen. Heute gibt man dementsprechend einfach die Medikamente ab.
Marco
Da können wir jetzt wieder reden über Fluch. Oder sagen, auch bei den Medikamenten gehen die Meinungen auseinander. Was, glaube ich, alle sagen, die Medikamente beruhigen die Situation, die Kinder werden ruhiger.
Kann man sagen, okay, ein positiver Aspekt der ganzen Geschichte.
Christian
Es kommt immer darauf an, z.B. wie wird es eingesetzt? Wie hoch ist die Dosis? Mir geht da immer, ja, man gibt die und die Dosis.
Und da erhöht man in dieser und dieser Zeit, ob man es braucht oder nicht. Es wird erhöht, weil unsere Studien zeigen und das zeigt, man muss erhöhen, weil die Pharma sagt, wenn wir das Medikament schon geben, dann müssen wir es ja auch richtig geben. Und dementsprechend müssen wir auch etwas davon haben.
Darum finanzieren sie auch die Studien über das Ganze. Und die könnten sagen, die Studie beweist, man muss das und das machen. Weil, ja, aber es hat dann einfach zu viele, die zu fest zudeckt werden.
Es hat ganz viele, die schlussendlich wieder so apathisch irgendwo im Zeug herumlaufen und sich irgendwo konzentrieren können. In den Schulen und den Schulstoffen irgendwo erledigen und aufnehmen können. Aber genau so sind sie dann auch den ganzen Tag und nachher zuhause und dann sind sie eh müde und haben keinen Antrieb mehr, um irgendwie noch Sport zu machen.
Ist das die Lösung? Nein, das ist nicht die Lösung.
Marco
Wahrscheinlich nicht. Sie verlieren natürlich einen Teil von ihrer Persönlichkeit.
Christian
Wenn ich Kinder habe, ich habe einige Kinder hier in der Praxis, die hyperaktiv sind. Für mich sind es einfach lebende Kinder. Für mich sind das spannende Kinder.
Die erzählen die schönsten und die coolsten Geschichten, wenn Mägi mit ihnen spricht und so. Es sind einfach teilweise coole Socken. Und diese coolen Socken sollen dann einfach irgendwo ein Medikament nehmen, damit er am System der Schule genügen kann.
Nein, solide, das kann es nicht sein. Das kommt dazu, die Abklärung ist länger intensiver geworden. Es gibt mehr Stellen, wo man es abklären kann.
Wir haben nicht nur Psychiater, die abklären können und Medikamente abgeben. Aus dem Mangel von Psychiatern hat man sogar auch Psychologen erlaubt. Ihr dürft abklären und ihr dürft auch Medikamente verschreiben.
In diesem Fall. Das ist mal eins. Das andere ist noch, wie gesagt, das Netz ist voll.
Jeder will irgendwo, wo eine Ausbildung stattfindet über irgendetwas, was alternativ ist, Naturheilpraktiker oder was auch immer, von Anfang an ADHS-Coach ausbilden. Jemand, der auf dem Papier lernt, wie die Kinder sind. Auf dem Papier steht eine Theorie, wie die Kinder sind.
Diese Theorie ist nicht von jemandem, der so ist, geschrieben worden. Ich habe auch gesagt, und das mag vielleicht überheblich klingen, aber ein Buch, das einem Legosteniker, einem Hyperaktiven helfen soll, kann doch nur einer schreiben, der selber so ist. Dann weiss er, von was er spricht.
Marco
Das ist meine Meinung. Okay. Ich halte es nicht für zwingend, wenn einer gut von aussen beobachtet.
Christian
Wenn er gut beobachtet und wirklich das wahrnimmt, aber auch das innerliche Wahrnehmen des Menschen.
Marco
Ja, da muss er schon sehr hinschauen.
Christian
Da muss er ganz anders hinschauen. Wenn ein Junge auf einem Stein von aussen sitzt und einfach signiert, dann ist er vielleicht einfach völlig resigniert und in sich verschlossen, weil er einfach nicht verstanden wird. Der andere sagt, das ist ja harmlos, auf seinem Stein zu sitzen.
Ich bin als Kind immer von aussen gesessen, bin auf dem Stein gesessen und war in meiner Welt. Aber diese Welt hat niemand verstanden. Soll dann ich das verstehen?
Mit 233 lernte ich mich zu verstehen. Wie bin ich? Wie funktioniere ich überhaupt?
Dann kannst du das Wissen dementsprechend auch so weitergeben. Logisch gibt es bestimmte Theorien bei diesem Test. Wenn man das und das kann und das und das oder das und das nicht kann, dann bist du halt so.
Ja. Aber das bringt niemanden weiter. Du musst auch Eltern haben.
Die Eltern müssen auch immer mitkommen. Ich arbeite nicht mit dem Kind, wenn die Eltern nicht kommen. Ein Elternteil muss dabei sein, also auch therapiert werden, weil das Kind ist ein Spiegel von den Eltern.
Punkt. Ich sage dann immer, was macht dein Kind? Ich spreche mit dem Kind ganz normal, als ganz normaler Mensch.
Ich spreche nicht über Eglasthenie oder irgendetwas. Ich spreche gar nicht. Ich arbeite mit ihm und leere seinen Kopf und entspanne ihn.
Das merkt das Kind extrem schnell, sofort. Mehr brauche ich dazu gar nicht zu sagen mit dem Kind. Aber der Mutter oder der Vater sagen dann, mach das Kind Sport.
Wenn nicht, es muss unbedingt Sport machen. Es muss irgendwo rauspushen, es muss irgendwo Erfolgserlebnisse haben. Im Fussballverein, dass du ein cleverer Torschütze oder ein cleverer Goalie bist oder was auch immer, du musst Erfolgserlebnisse haben.
Oder wenn man halt je nachdem sehr musisch ist, dass man halt einfach ein Instrument lernt und sich dem hingebt. Dass man einfach das unterstützt. Ich bin als Kind einfach immer auf einem Fahrrad gesessen.
Ich bin den ganzen Tag Fahrrad gefahren.
Marco
Könnt ihr das möglich machen, dass man, wenn man das gut macht, das Medikament nicht braucht?
Christian
Ja, sicher. Ja, zu 95% ja. Ich weiss, es gibt solche, wo das nicht möglich ist.
Und das hat auch mein Sohn, der jüngste Sohn, der am extremsten ist, diesbezüglich, wo ich auch vieles geschrieben habe, im Buch, er ist gestorben, hat er gesagt, weisst du, Papi, du musst auch akzeptieren, dass es eben auch solche gibt, wo es wirklich nicht geht, ohne Ritalin. Da sage ich, ja, akzeptiere ich auch. Das ist kein Problem, dass ich das nicht akzeptiere, auch wenn ich da teilweise mit dem, wenn es um das Ritalin geht oder das Ganze, halt teilweise ein wenig provokativ bin.
Aber manchmal kommt es eben, wir provozieren schneller als das Ziel. Das ist eben mein Denken auch. Und ja, es ist einfach nicht das Gleiche funktionieren.
Aber das verstehe ich, dass das nicht möglich ist. Schau, ich habe die letzte Woche mir einen Klienten geschrieben und hat sein Herz ausgeschüttet, also extrem belastet, er ist vorher schon bei mir gekommen und dann irgendwo ist er sich anklären lassen und hat geheissen, du bist autistisch veranlagt und du hast ADHS. Er ist ein hochintelligenter, gescheiter Mann, der einen super Job hat, einen super Job gemacht, aber er als Mensch kommt mit sich nicht in den Schlag.
Er hat mir ein E-Mail geschrieben mit ein paar Sätzen und hat am Schluss geschrieben, wie lange er hatte, um diese Sätze zu schreiben. Es ist krass und es ist wirklich nicht einfach. Wenn du dich selbst nicht händeln kannst, wenn du nicht selbst weisst, wie muss ich reagieren, wie muss ich sein, wie muss ich was machen, geschweige denn, wenn ich es für mich selbst nicht kann, wie will das jemand ausserstehend mir erklären, mir zeigen.
Das geht nicht. Ich sage einfach immer, irgendwo muss man einen Kompromiss finden. Mit einem solchen Kind in der Schule.
Das sind dann zum Beispiel die, ich konnte ja kein Diktat machen, ich wusste nicht, was der erzählt. Wenn du mir Wort um Wort gesagt hast, was ich schreiben muss, dann hätte ich es schreiben können. Aber er sagt einen ganzen Satz.
Nach zwei, drei Wörtern wusste ich nicht mehr, was er gesagt hat. Da habe ich irgendwo einfach, ich habe auf Deutsch gesagt, ein leeres Blatt abgeben. Und das hat dann halt einer gegeben.
Ja. Und dann steht im Fleiss, hat es dann an mich geheissen, entweder gut, sehr gut, ist ganz sicher nicht entstanden, aber gut, oder er hat mitgemacht.
Marco
Okay, immerhin, ja.
Christian
Und irgendwo muss man dann einfach zum Beispiel, aber ich durfte einmal einen Vortrag machen, über ein Musikinstrument, ich habe ja selber Jugendmusik gespielt, über ein Musikinstrument, und das war ein sensationeller Vortrag. Das war der beste Vortrag der ganzen Klasse, denn dort ging es um etwas, was mich selber interessiert hat, wo ich ein Flügelhorn erklären können konnte, Karinett erklären konnte, wie die funktioniert, was es geht und wie. Das war überhaupt kein Problem.
Oder solche Schüler, die nicht still sitzen können oder was auch immer, die können zum Beispiel teilweise sensationell turnen, sie können teilweise sensationell Theater spielen. Da muss man es halt dort fördern, wo sie gut sind. Und dort dann halt unterstützen.
Und da muss man halt einfach auch, oder sage ich auch immer, bei solchen Kindern tun einem eine externe Aufgabehilfe geben. Und zwar eine externe, nicht, dass die Mutter oder der Vater hilft, sondern wirklich eine externe, die das Kind anders anschaut. Und dann sagt der Person, die die Nachhilfe gibt, sie muss unbedingt zuerst an den guten Sachen, die sie hat, arbeiten.
Dort, wo sie stark ist. Dort musst du sie fördern. Dass du deine Glücksmomente bekommst.
Dass du dort einfach der King bist. Und das hält dich dann an und das gibt dir irgendwann auch den Mut, dass du an die schlechten Fächer kommen kannst und die so aufbauen. Alles andere macht keinen Sinn.
Das heisst, wir müssen einfach von dem Bestrafungsprinzip wegkommen. Wir müssen zum Belohnungsprinzip herkommen. Jeder Hundetrainer hat Gürtel im Sack und wenn der Hund etwas Gutes gemacht hat, bekommt er ein Gürtel.
Wieso soll man dem Menschen nicht ein verbales Gürtel geben, wenn er etwas Gutes gemacht hat und halt einfach einmal das andere stehen lassen kann. Es gibt halt kein Gürtel, aber man kann stehen lassen, so wie er ist. Ja.
Wie gesagt, ich bin Legislaturkanzler, ich kann kein Buch lesen. Ich konnte mir nie irgendein Wissen aneignen. Ich wollte, ich habe es schon einmal erzählt, ich wollte Arzt werden.
Mich hat der Mensch fasziniert, mich hat der Körper seit eh und je fasziniert. Ich wollte Arzt werden. Aber in der 5.
Klasse habe ich einfach gesehen, ich bin immer krank. In der 6. Klasse hatte ich noch das Bein gebrochen.
Bei der Hälfte der Schulzeit war ich gar nicht da, weil ich in einem Spital oder Zuhause war. Den Arzt hatte ich auch immer. Irgendwie war es einfach chancenlos, dass ich in die höchste Oberstufe, das heisst Sekundarschule, konnte.
Ich konnte nur in der Realschule, die zweithöchste. Einer hat einmal gesagt, da gehst du in die Hilfsklasse. Spinnst du überhaupt?
Wie sagst du einem hochintelligenten Menschen in die Hilfsklasse? Ich meine, mehr deklassieren kannst du dem Menschen und dem Charakter nicht. Aber eben, dann bin ich halt Realschüler, weil ich einfach eine bestimmte Zeit in der Schule gefehlt habe.
Es hat mir gelangt. Es hat eh nicht gelangt. Aber wenn ich heute anschaue, Marco, ich kann nie alles, was ich tue, was ich mache, alles, was ich in meinen Büchern schreibe, alles, was ich dir erzähle, das ist meine Erfahrung.
Das ist mein Leben. Ich mache das mit meinen Geben, mit meinen Eigenschaften und mit meinen Fähigkeiten, die ich vom lieben Gott einmal in meine Hände und in meinen Geist bekommen habe. Und das ist es, mit dem ich arbeite.
Und wenn ich heute anschaue, dass ich nie schultechnisch Fähigkeiten hatte, um Arzt zu werden, um überhaupt einmal zu studieren. Heute kommen meine Klienten Heute kommen meine Klienten zu mir, wenn der Arzt nicht mehr weiter weiss.
Marco
Gut, vielleicht ist das ja genau der Punkt, wo du sein musst, oder?
Christian
Das ist doch genau das, wo irgendwo, wenn das nicht geht, dann ist es vielleicht etwas anderes und es ist halt vielleicht mehr. Und es ist schlichtweg mehr für mich heute. Und ich bin echt froh, dass ich keine Theorie über irgendeine Praxis, irgendetwas lernen kann.
Ich bin dann gezwungen, einfach auf meine Erfahrung von 65 Jahren, von meiner Erfahrung von 27 Jahren als Therapeut, von meiner Erfahrung von 43 Jahren als Selbstständiger einfach irgendwo das herausnehmen kann, was oberbildlich abgespeichert ist und dementsprechend so arbeite. Und ich darf sagen, es ist sehr erfolgreich, sonst wäre ich nicht da, sonst wäre ich nicht an dem Punkt, wo ich heute bin. Ich könnte nicht diese Praxis finanzieren, wenn es nicht aufgehen würde, wenn es nicht gehen würde.
Ich habe 27 Jahre mit 13 oder 14 Tausend Leuten hier persönlich in der Praxis gearbeitet. Also, die einen sagen, es ist eine Superkraft, ich kann es so stehen lassen, wenn jemand sagt, es ist eine Superkraft, okay, für mich ist es einfach, ich bin mich, ich bin kein Heiler, ich bin kein Therapeut, ich bin Christian Bräutschi und ich funktioniere so, wie ich einfach bin.
Marco
Okay, was können wir den Leuten mitgeben, entweder direkt ADHS-Betroffenen oder Verwandten von ADHS-Betroffenen, was kann man ihnen sagen, wenn sie in irgendeiner schwierigen Situation sind?
Christian
Akzeptieren den Charakter dieser Person, dieser betroffenen Seele, so, wie sie ist. Und nicht, wenn wir irgendwo, das ist auch noch mit ein Grund, warum wir heute viel höhere Zahlen haben, dass früher hat man nur Kinder erklärt, heute erklärt man auch die Erwachsenen. Das heisst, wir haben dementsprechend natürlich viel mehr.
Früher hat man gesagt, zwei bis drei Prozent, heute sind wir irgendwo bei vier Prozent. Ja, logisch, aber der Mensch ist nach dieser Diagnose immer noch genau der gleiche. Und logisch ist dann halt einfach auch so, dass, wenn eine Mutter ihren Sohn testen lässt, dann sagt sie das und das und das.
Sie sagen sich, ja, aber ich war ja auch so. Ja, das stimmt wohl auch. Darum arbeite ich auch mit den Eltern, wie mit dem Kind.
Das hat eben auch diesen Charakterzug. Ja, auch KM. Aber das heisst noch lange nicht, dass sie einfach von heute auf morgen eine Krankheit haben, weil sie nur eine Diagnose haben.
Und wir sind heute in einer Welt, die diagnostiziert werden will. Wir wollen irgendwo eine Erklärung, wieso das irgendwie funktioniert.
Marco
Ich glaube, das hilft ja auch den Betroffenen zu realisieren, okay, so ist das mit mir, oder?
Christian
Ja, aber dann soll sich jemand nicht als Opfer sehen, sondern dann soll er halt eben lieber in die andere Richtung gehen und sagen, du, es ist etwas Wunderschönes und ich lerne jetzt mit dem umgehen.
Marco
Ja, das muss er sowieso früher oder später tun.
Christian
Und das ist ganz wichtig, dass man mit seinem Charakter umgehen lernt. Und auch akzeptieren darf, dass halt einfach viele Menschen dich gar nicht verstehen. Okay, das lassen wir einfach so stehen, aber es gibt ganz wenige, die einen so verstehen.
Ich meine, ein Jugendlicher hier in der Praxis oder auch ein Erwachsener, der so ist, und ich gehe auf diese Person zu, dann merkst du, wie diese Person ist. Und diese Person, die eben auch so ist, merkt, wie ich bin. Und ich muss nicht ein Wort reden.
Und sie sind verstanden worden. Und das ist das Allerhöchste und das Allerschönste für solche Menschen, dass sie einfach verstanden werden. Und dass man ihnen auch sagt, hey, du bist gut, so wie du bist.
Und wenn du halt nicht zurechtkommst, wenn du halt nicht zurechtkommst mit diesem Umgehen. Und zwar nicht mit dem Negativen, was der Gesellschaft oder dem Schulsystem nicht genügt, sondern im Leben draussen. Mach etwas, was für dich stimmt.
Bist kreativ. Singst, machst Sport oder was auch immer. Etwas, was du gut kannst.
Und alles andere muss dich einfach schlichtweg nicht interessieren. Du musst nicht alles können. Ja.
Marco
Okay. Also, nehmen wir das mit. Das gilt auch wieder in erster Linie für die Betroffenen, aber für alle anderen auch.
Christian
Seid ihr so, wie ihr seid und nehmt euch ab. Schaut in den Spiegel und sagt, ich liebe mich. Auch wenn ich manchmal halt irgendwie verknurzt bin oder irgendwie mich selber nicht verstehe.
Schaut ein Spiegelbild an und sagt, ich liebe mich. Ciao.




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